Abstract der Dissertation von Gabri Machini | Ökonomische und politische Faktoren waren Grundlage für das Anwerbeabkommen vom 20.Dezember 1955, welches bis 1973 die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitern in die deutsche Wirtschaft regelte.

Es gilt als Ausgangspunkt für das sogenannte „Gastarbeitersystem“. Nachdem der Agrarbereich anfänglich besonders im Mittelpunkt stand, verlor dieser rasch an Bedeutung gegenüber anderen Wirtschaftssektoren. Ähnlich erging es auch dem „Agrarland“ Niedersachsen gegenüber anderen Bundesländern.
Die vorliegende Dissertation fokussiert thematisch die Migration in den landwirtschaftlichen Bereich. Sie untersucht Ausgangslage und Entwicklung bezogen auf Nordostniedersachsen, wobei der Migrationsprozess in seinen nationalen und europäischen politischen Kontext integriert wird.

Die Studie geht der Frage nach, welche Motivationen, Ziele und Strategien den zwei Hauptgruppen (die der italienischen Saisonarbeiter einerseits und die der deutschen Bauern sowie landwirtschaftlichen Verbände anderseits) zugrunde lagen. Bedeutende Quellen hierbei sind
Akten des Niedersächsischen Landvolks, regionaler Arbeitsämter und Arbeitsamtsbezirke Uelzen/Lüneburg, sowie lokale Zeitungen und Zeitzeugenaussagen. Die Untersuchung erfolgt mit dem Ziel, die Lebenswirklichkeit der italienischen Saisonarbeiter im Rahmen der deutschen ländlichen Gesellschaft mit Methoden der Alltags- und Mentalitätsgeschichte zu dokumentieren und zu hinterfragen.

Die Ergebnisse zeigen ein äußerst ambivalentes und konfliktreiches Bild der Migration italienischer Saisonarbeiter in den Agrarsektor. Trotz der relativ unbedeutenden zahlenmäßigen Entwicklung gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen stellte sie ein gesellschaftrelevantes Phänomen dar, welches die lokale Debatte und die Agrarpolitik insbesondere im Jahrzehnt 1955-65 prägte. In ihr spiegeln sich Charakterzüge, die dem Strukturwandel der damaligen westeuropäischen Gesellschaft entsprachen: Dem seinerzeitigen Wettlauf um Arbeitskräfte zwischen Landwirtschaft und Industrie, wie auch einer Veränderung der Einstellungen in Bezug auf ländliches und urbanes Leben, was zu einem Teil des Migrationsgeschehens wurde.