frauenORT Nummer 46: Henriette Praesent – Im Rahmen der Initiative „frauenORTE Niedersachsen“ wird im September 2021 für die Uelzener Kauffrau Henriette Praesent ein frauenORT eröffnet. Die Initiative wurde vom Landesfrauenrat Niedersachsen e.V. ins Leben gerufen, um das Wirken starker und engagierter, historischer Frauenpersönlichkeiten zu würdigen.

Der Lebenslauf der Uelzener Landhandelskauffrau Henriette Praesent lenkt den Blick auf einen Bereich weiblicher Alltagsgeschichte, den wir im Allgemeinen nicht mit einem Frauenleben des beginnenden 19. Jahrhunderts in Verbindung bringen, nämlich den der berufstätigen Frau und Mutter. Frauen wurde lange Zeit ihre eigenständigen Leistungen im Wirtschaftsleben aufgrund ihrer gesellschaftlichen Unterordnung abgesprochen oder bagatellisiert.

Henriette Praesent selbst hat vermutlich nie über Fragen der Akzeptanz im Berufsleben oder Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachgedacht, sondern ist selbstverständlich ihren vielfältigen Aufgaben nachgekommen. Vieles von damals lässt sich natürlich nicht ohne weiteres mit heutigen Lebensbedingungen vergleichen. Aber dennoch klingt einiges an dem Lebenslauf dieser Frau so,modern“, obwohl sie vermutlich eher ein typisches“ Frauenleben ihrer Zeit gelebt hat.

Die jungen Jahre

Henriette Bütemeister wurde am April 1782 als Tochter einer Kaufmannsfamilie in Gandersheim geboren. Am 6. Januar 1803 heiratete sie in Burgdorf den 28-jährigen Kaufmann Christian Praesent. Sie war vermutlich trotz ihres jungen Alters von 21 Jahren gut auf ihr zukünftiges Leben vorbereitet. In dieser Zeit blieben Töchter aus Handwerker- und Kaufmannsfamilien in der Regel bis zu ihrer Verheiratung in ihren Familien, wo sie von ihren Müttern häusliche Tätigkeiten erlernten, aber durchaus auch ihren Vätern und Brüdern im Betrieb zur Hand gehen konnten. Aber auch falls dies nicht der Fall gewesen sein sollte, so war Henriette inmitten eines kaufmännischen Alltags aufgewachsen, der u.a. dadurch bestimmt wurde, dass sich Arbeits- und Wohnbereich unter einem Dach befanden.

Christian Praesent war am 24.12. 1775 als Sohn eines Schuhmacher-Amtsmeisters in Dannenberg geboren worden. Am 30. September 1799 wurde dem Kaufmann von der Stadt Uelzen das Bürgerrecht verliehen. Hier wurde innerhalb weniger Jahre der Grundstein für ein Unternehmen gelegt, das sich zu einem der größten Landhandelsunternehmen in der Region der Lüneburger Heide entwickeln sollte. Christian Praesent handelte mit Schafwolle, Honig und Wachs, Getreide und Futtermitteln und vor allem mit Flachs. Außerdem führte er als Mitglied der Kramerinnung noch Waren wie Gewürze, Tabak, Kaffee, Zucker, Zichorien und Tabak. Zwischen 1810 und 1813 versorgte er als Districts-Lieferant das Militär im von Napoleon geschaffenen Königreich Westfalen. In Kriegsjahren schienen derartige Geschäftsbeziehungen mit einem hohen Risiko verbunden gewesen zu sein. Als 1813 alliierte Truppen in Uelzen einrückten und Versorgung forderten, forderte Praesent sogleich von der Stadt Garantien, da er unter keinen anderen Bedingungen das Militär beliefern wollte wie zuvor unter dem Königreich Westfalen. Die Abrechnungen mit der Stadt Uelzen wegen „Fourage und Mundportionen-Lieferungen“, einschließlich eines Gerichtsprozesses, zogen sich noch bis 1818 hin. Letztlich zahlte sich dieser Handel für ihn offensichtlich aus.

Kauffrau und Mutter

Henriette Praesent, Ölgemälde, Besitz des Heimat- und Museumsvereins des Kreises Uelzen. Foto: Museum Schloss Holdenstedt.

An der erfolgreichen Entwicklung des Unternehmens hatte seine Frau einen nicht unerheblichen Anteil. Wie der kurze Hinweis auf Henriettes Kindheit und Jugend bereits zeigte, war eine Kaufmannsfamilie wie eine Handwerker- oder auch bäuerliche Familie um 1800 eine Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft. Die Ehefrau war hier sowohl für die Hauswirtschaft als auch für Bereiche des Geschäftslebens zuständig. Kauffrauen und Händlerinnen besaßen schon seit dem Mittelalter mehr Freiheiten als viele ihrer Geschlechtsgenossinnen, und das Stadtrecht räumte ihnen oft ihren Ehemännern gegenüber eine fast gleichrangige Stellung ein. Nicht selten war es für Kauffrauen üblich, das Geschäft bei längerer Abwesenheit des Mannes allein zu führen und als Witwe auch ganz zu übernehmen.3 Dies dürfte gerade bei Landhandelsfirmen existenznotwendig gewesen sein, da der Landhändler für seine Geschäftsbeziehungen viel außerhalb tätig war. Die Ehefrau trug dadurch eine große Mitverantwortung im Geschäftsleben. Diese Form der familiären Arbeitsteilung war allerdings mit der Herausbildung moderner Gesellschaften und der Entwicklung vieler neuer Berufe, die nun außerhalb des eigenen Haushaltes ausgeübt wurden, rückläufig. Die entstehende bürgerliche Gesellschaft entwickelte zudem ein Rollenverständnis, nach dem die Aufgaben der Frauen zunehmend auf die Privatsphäre und die Erziehung ihrer Kinder reduziert wurde.

Das Ehepaar Praesent bekam zwischen 1803 und 1820 neun Kinder. Davon erreichten fünf Kinder das Erwachsenenalter, während vier Geschwister bereits im Säuglings- bzw. Kleinkindalter verstarben. Henriette Praesent führte also das Leben einer berufstätigen Mutter mit den damit verbundenen weitreichenden Pflichten. Ihr Alltag wurde von vielen Schwangerschaften und Sorgen um die wachsende Familie bestimmt. So war die hohe Kindersterblichkeit zu Anfang des 19. Jahrhunderts selbst bei wohlhabenden Familien nichts Ungewöhnliches. Sie konnte in Europa erst im Zuge der Industrialisierung durch den langsam allgemein ansteigenden Wohlstand in Verbindung mit verbesserten sozialen, medizinischen und hygienischen Maßnahmen erfolgreich bekämpft werden. Die Betreuung der Kinder erforderte Zeit und Kraft. Dazu kamen die Tätigkeiten in der Firma sowie die Aufsicht über den großen Haushalt, dem neben der „Kernfamilie“ ja auch noch zahlreiche Angestellte angehörten.

Das Unternehmen und der Tod des Ehemanns

1811 hatte die Firma zwei Häuser am Markt an der Ecke Gudes-/Lüneburgerstraße erworben, die 1826 mit dem großen Brand vernichtet wurden. An dieser Stelle wurde dann das große Geschäftshaus errichtet, das in all den Jahren des Bestehens des Geschäftes die Hauptgeschäftsstelle war.
Im Geschäftshaus wurde auch ein Manufakturladen eingerichtet, der von Henriette Praesent geführt wurde.
Christian Praesent verstarb bereits 1827 mit 52 Jahren. Seine damals 45-jährige Frau übernahm die Geschäftsleitung, unterstützt von ihrem ältesten Sohn Johan Georg Daniel (geb. 1803), der im Familienbetrieb tätig war. Diese Form der weiblichen Geschäftsführung schien in Uelzen nicht ungewöhnlich zu sein. So schreibt Otto Merker in seinem umfangreichen Werk über den Flachsanbau in der Region Uelzen, dass im Jahr 1785 von den neun Firmen, die in dieser Zeit in Uelzen mit Kaufgarn handelten, allein drei Unternehmen von Witwen geführt wurden. Gerade die Manufakturwaren konnten in den folgenden Jahren aufgrund der zwischenzeitlich nochmals zunehmenden Bedeutung des Flachsanbaus in der Uelzener Region erweitert werden. Der in dieser Gegend gewonnene Steinflachs“ zeichnete sich durch die Feinheit seiner Fasern aus. Uelzen spielte für dieses Handelsprodukt als Stapelplatz eine besondere Rolle.
Noch im Jahr 1829 wurde hier eine Leinenlegqe gegründet, wo die Qualität des Leinen geprüft wurde. Auch wenn der Flachsanbau u.a. wegen der Konkurrenz der Baumwolle keine Zukunft mehr hatte, hatte Henriette Praesent ihr tatkräftiges Engagement in diesen Jahren eine gesunde Grundlage für die weitere Entwicklung des Unternehmens geschaffen. So wurde die Firma Praesent beispielsweise 1855 in München auf einer Industrieausstellung für ihre Garne und Leinen ausgezeichnet.

Nach Henriette Praesents Tod

Henriette Praesent führte das Geschäft bis zu ihrem Tod, danach wurde es ihrem Schwiegersohn August Keitel übertragen. Ihr ältester Sohn war 1846 durch einen Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Unter der Führung Henriette Praesents hatte sich das Geschäft an Umfang und Bedeutung erweitert, so dass sie ihren Angehörigen ein ansehnliches Erbe hinterlassen konnte. Sie starb am 30.3.1856 in Uelzen nach einer langwierigen Krankheit kurz vor Vollendung ihres 74. Lebensjahres. Ihr Ansehen lebte im Namen der Firma weiter, denn am 6. Januar 1865 wurde sie unter dem Namen „Joh. Chrst. Praesent Wwe“ in das Handelsregister eingetragen. Die Firma Praesent bestand bis 1991, als die letzte Inhaberin Erika Thiermann, die 1966 an die Stelle ihres verstorbenen Ehemannes getreten war, als persönlich haftende Gesellschafterin aus dem Unternehmen ausschied.

Dieser Beitrag ist auch in dem 2015 erschienen Band Frauen die Uelzen beweg(t)en zu finden. Herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. .Dort dann mit detaillierten Quellen- und ergänzenden Angaben und weiteren Frauenpersönlichkeiten.

Christine Böttcher

Christine Böttcher | Historikerin, Dr. phil. (geb. 1962) Wohnhaft im Landkreis Uelzen, verheiratet, fünf Kinder Studium der Geschichte und Politischen Wissenschaften an der Leibniz Universität Hannover Stadtarchivarin der Hansestadt Uelzen Kreisarchivarin des Landkreises Uelzen Seit 2007 Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. Schwerpunkte: Zeit- und Regionalgeschichte Veröffentlichungen und Ausstellungen zum Thema Regionalgeschichte