„Ich habe mich nie nach der Politik gerichtet, was für mich zählt, sind die Menschen und sonst nichts. Das Leid unter den unschuldigen Kindern war einfach schrecklich. Sie hatten keine Väter mehr, sie hatten ihre Mütter verloren und sie hatten nicht einmal was zu essen. Ich musste ihnen einfach helfen.“

Miss Bridget Stevenson

Ein Blick zurück

1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende, Deutschland nur noch ein Trümmerhaufen. Die Städte sind zerbombt und täglich strömenTausende von Flüchtlingen in die notdürftig errichteten Lager. Uelzen wurde 1945 wegen seiner günstigen Lage an der Bahnlinie von der britischen Militärregierung als Standort für ein Flüchtlingsdurchgangslager ausgewählt. Es entstand das “ Bohldammlager“, das auch wenn nicht als Dauerlager geplant erst 1963 geschlossen wurde. Neben den Wohltätigkeitsorganisationen wie Rotes Kreuz, Arbeiterwohlfahrt, Christlicher Verein junger Menschen usw. kam der britischen Kinderhilfe, Save The Children Fund“ (S.C.F.) und ihrer Leiterin, Bridget Stevenson, eine besondere Bedeutung zu. Mit den Besatzern kam so auch humanitäre Unterstützung ins Land, die vornehmlich den unschuldigen Opfern des Krieges, den Kindern, den Hoffnungsträgern einer gemeinsamen friedlichen Zukunft, zugutekam.

Diese Zeitungsnotiz erschien am 14. September 1963 in der Zeitung „The Glasgow Herald“ sie teilt mit, das eine gewisse Miss Bridget Stevenson den höchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland, den Verdienstorden Erster Klasse, verliehen bekommen hat.

Und so sorgte Miss Stevenson durch ihr sowohl energisches als auch freundliches Auftreten im Bohldammlager dafür, dass die Zusammen arbeit zwischen den deutschen und britischen Stellen effektiv und harmonisch verlief. Sie koordinierte die Kinderbetreuung, sorgte für Sachspenden aus dem Ausland, für tägliche Lebensmittelspenden für den Kinderhort und -garten, für Bekleidung usw. In vielen „reports“ berichtete sie an ihre Dienststelle über die spontane und unkomplizierte Zusammenarbeit mit der Stadt Uelzen.

Nächstenliebe

Dass für Bridget Stevenson nicht die Politik, sondern die praktizierte Nächstenliebe der Grundsatz ihres Lebens war, zeigte ein weiteres beeindruckendes Beispiel: Sieben Jahre nach Kriegsende organisierte sie einen Erholungsaufenthalt für deutsche Flüchtlingskinder aus dem Bohldammlager Uelzen in England (!). In ihren Monatsberichten von März bis Juli 1952 beschreibt sie liebevoll und mit vielen Details die Vorbereitung und Durchführung dieser Fahrt in das Erholungsheim Hill House, Kelvedon, in der Nähe von Colchester:

„lch bin überglücklich, sagen zu dürfen,dass wir am 1. Mai die erste Gruppe mit sieben erholungsbedürftigen Kindern nach England schicken können, wo sie 3 Monate bleiben werden. Fast alle Kinder sind Flüchtlinge aus der Ostzone.. Sie leiden unter körperlichen und psychischen Krankheiten, die zumeist ein Resultat der Fluchterfahrungen ihrer Eltern oder des Krieges sind.“

Es war nicht einfach, sieben Kinder auszuwählen aus der großen Gruppe, die sich sehnten, mitzufahren; sie waren so enttäuscht, dass wir es kaum aushalten konnten, und wir mussten ihnen versprechen, auch mit ihnen schöne Unternehmungen zu machen, auch wenn wir wussten, dass es nicht das Gleiche war wie drei Monate in England.“ Im ihrem Mai-Bericht schreibt sie: Die begeisterten Briefe der Kinder an ihre Eltern sind mehr als ein Be- weis für den Erfolg dieses Unternehmens.

„Du fragst, ob ich Heimweh habe“, schreibt ein kleiner Junge, „ganz bestimmt nicht. Wir haben gar keine Zeit für so etwas. Außerdem bin ich Huhn-Direktor und darf die Eier einsammeln.“ Jeder schreibt, dass das Essen neu, seltsam und köstlich war.- Art und Weise tiefergehende Verständigung und auch Freundschaft geschaffen werden könnten. Ihrem Anliegen, besonders den Kindern zu helfen, lag die Hoffnung zugrunde, dass aus den Kindern, denen jetzt geholfen wurde, einmal hel fende Erwachsene werden würden. Viele Flüchtlinge betonten, dass es in Uelzen, am schönsten gewesen sei und auch für Bridqet Stevenson und den hinter ihr stehenden Persönlichkeiten musste die Arbeit im Bohldammlager ein besonderes Anliegen gewesen sein. Eine der ,hinter ihr stehenden Persönlichkeiten“ war Lady Mountbatten, Vizekönigin von Indien, die es sich nicht nehmen ließ, Uelzen (im September 1950) zu besuchen, um sich von der deutsch-britischen Zusammenarbeit im Lager beeindrucken zu lassen.

Nach Auflösung des Bohldammlagers engagierte sich Bridget Stevenson in anderen Teilen der Welt für bedürftige Kinder. Viele von ihnen kamen als Erwachsene immer wieder zu ihr zurück. Sie hatten eine zweite Mutter in ihr gefunden und sprachen sie mit „Mother“ an. Für unzählige Menschen war sie „der Engel des 20. Jahrhunderts“ und würdige Nachfolgerin von Florence Nightingale. Anne George „Archivarin der Universität von Birmingham, äußerte sich in einer Email, „that Bridget Stevenson was known as The Angel of Uelzen“. Um ihre humanitäre Arbeit zu ehren, wurde sie von der britischen Königin 1953 als „Dame Bridget Stevenson, MBE“ (Member of the British Empire) in den Adelsstand erhoben. Wir wissen so viel über ihre humanitäre Arbeit und so wenig über ihr Privatleben.

Bridget Stevenson – Persönliches

Bridget Stevenson wurde 1907 in Rajkot (Indien) geboren. Ihr Vater war Offizier. Sie besuchte die Schule in Wycombe Abbey und schloss ihr Studium im Trinity College in Dublin mit dem Diplom in Sozialwissenschaften ab. Sie war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Sie lebte ab 1960 in Marokko, wo sie später auch ein Haus besaß, das sie vom marokkanischen König als Anerkennung für ihren humanitären Einsatz geschenkt bekommen hatte. Sie starb 1985 während eines Urlaubs in Großbritannien.
Wie gut, dass es in Uelzen Menschen gibt, die sich an die Privatperson Bridget Stevenson erinnern. Christine Haupt war mit ihr befreundet und hat sie in Nordafrika besucht. Sie berichtet, das hervorstechendste Merkmal ihrer Freundin sei ihre positive Ausstrahlung gewesen.
Uwe Harnack berichtet, dass Bridget Stevenson ihm 1955 in den Sommerferien einen Aufenthalt in England in einem Zeltlager der Boy Scouts ermöglicht habe. Sie selbst habe ihn nach Hannover begleitet, von dort ging es über Hook of Holland nach Harwich. Uwe Harnack wurde von den englischen Jugendlichen mit offenen Armen aufgenommen und der Kontakt wurde auch nach dem Ende der Reise brieflich aufrechter- halten. Dass Uwe Harnacks Eltern dieser Reise zustimmten er war damals 14 Jahre alt und reiste allein -war sicher auch dem Vertrauen in Bridget Stevenson zu verdanken. Und das alles gerade mal zehn Jahre nach dem Ende des Krieges.

Bridget Stevenson (2. vl.) in Uniform vor dem sogenannten Bohldammlager in Uelzen. Rechts ist ihr Schäferhund „Lucky“ zu sehen. Foto: Kreisarchiv Uelzen

Schäferhund „Lucky“

In der Erinnerung erschien Uwe Harnack Bridget Stevenson als eine Frau, die immer einen gutmütigen Eindruck machte und ständig ein Lächeln auf dem Gesicht trug. Klaus Banse erinnert sich, dass Bridget Stevenson, „die Engländerin“, immer sehr korrekt gekleidet (manchmal in Uniform) und frisiert auftrat. Sie sprach gut Deutsch und hatte wohl auch mit Hilfe ihres Hundes „Lucky“ -ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn, und auch hier besonders zu den Kindern, die sie mit englischen Drops fütterte.
Als sie für Klaus‘ Bruder Dietrich, gerade von Milchschorf genesen, einen Erholungsaufenthalt in England organisieren wollte, wurde dies vom Vater nicht erlaubt. Hellmut Trochs Ehefrau Eva-Maria (gestorben 1978) war Sekretärin von Bridget Stevenson und konnte dank ihrer Schulenglischkenntnisse den gesamten Schriftverkehr einschließlich der sehr umfangreichen monatlichen Berichte bewältigen. Außerdem war sie Begleitperson bei Ausflügen nach Sylt, über die sie – natürlich in Englisch – ausführlich berichtete. Hellmut Troch ist sich sicher, dass Bridget Stevensons sehr gerechter und zielbewusster Charakter entscheidend für das gute Beginnen und die Durchführung ihrer Arbeit im ,, Save The Children Fund“ in Uelzen war. Sie wurde nie als „Besatzung“empfunden.

Dass sie nie verheiratet war, führt Hellmut Troch darauf zurück, dass sie das Wohlergehen der ihr an- vertrauten Kinder als ihre Lebensaufgabe angesehen hat, die sie so ausfüllte, dass eine private Seite keinen Platz hatte. Am 27. Mai 2010 hat die Geschichtswerkstatt Uelzen einen Antrag an die Stadt Uelzen zur Umbenennung der ehemaligen Seebohmstraße in Bridget-Stevenson-Straße gestellt. Dame Bridget Stevenson hätte es verdient.

Dieser Beitrag ist dem 2015 erschienen Band Frauen die Uelzen beweg(t)en entnommen. Herausgegeber: Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. .In diesem finden Sie detaillierte Quellen- und ergänzenden Angaben und Fotos, sowie weitere Porträts von Uelzener Frauenpersönlichkeiten.

Renate Meyer-Wandtke

Renate Meyer-Wandtke | Wohnhaft in Uelzen seit 1976. Lehramtsstudium an der Universität Osnabrück und bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin an der Lucas-Backmeister-Schule in Uelzen. Mitglied der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V..