Wir sind nicht nach Uelzen gekommen, weil wir nach Uelzen kommen wollten, sondern weil es Renate Böhm in Uelzen gibt.

Mit diesen Worten begründet Festspielleiter Albert Wiederspiel die Entscheidung, Uelzen als Spielstätte im Rahmen des 22. Hamburger Filmfests 2014 auszuwählen.
Angesprochen auf diese Ehrung winkt sie mit einem „Ach nee, Leute“ ab. Sie, die jeden Tag Glamour, Kult und Kunst, Reales und Irreales, Märchen und Zauber, Tod und Teufel um sich hat, ist im wirklichen Leben „auf dem Teppich geblieben“, und der war nicht immer so rot wie der, den sie für ihre Gäste ausrollt.

Renate Böhm wurde am 9. Oktober 1941 in Konitz/Westpreußen geboren. 1945 floh ihre Mutter mit ihr und
den beiden anderen Töchtern in den Westen. Nach kurzem Aufenthalt im Bohldammlager Uelzen zogen sie nach Klein Pretzier, wo der später nachgekommene Vater einen Bauernhof pachtete. Nach Beendigung des
Pachtvertrags zog die Familie nach Ebstorf und übernahm das Hotel Zur Krone“.
Ihren Berufswunsch Hotelkauffrau kann sie in Hamburg verwirklichen. Nach der Ausbildung kommen mit Herbert Böhm das Glück und das Kino in ihr Leben. Sie heiraten 1962.

Das Central-Theater Uelzen

Renate und Herbert Böhm waren ihr Leben lang Kino-Besessene. In den 1960er Jahren pachteten sie zwei von drei Kinosälen in Uelzen; später kam ein dritter Saal, das Central-Theater dazu. Als Renate Böhm mit 41 Jahren ihren Partner verliert und als Witwe mit zwei kleinen Kindern und einem Haufen Schulden zurückbleibt, zeigt sie, was FRAU kann. Die Bank, die die Kredite zum Kauf des Central-Theaters noch zu Lebzeiten ihres Mannes gegeben hatte, konnte sie überzeugen, dass sie durch aus in der Lage war, das Unternehmen gewinnbringend zu organisieren und zu leiten.

Das Central-Theater Uelzen ist heute der Inbegriff eines inhabergeführten Qualitätsunternehmens. Es umfasst fünf Kinosäle, die inzwischen alle mit digitaler und vier davon sogar mit 3D-Projektion – ausgestattet sind. In einem 100 Jahre alten Kino sind solche Investitionen besondere finanzielle und nervenaufzehrende Kraftakte.
Ein großzügiges Foyer, kurze Sitzreihen (Randplätze sind begehrt), bequeme Sessel mit viel Beinfreiheit und Ablage für die wichtigen Dinge wie Popcorn und Getränke bieten eine angenehme Atmosphäre: „Modern
wie in der Großstadt und trotzdem gemütlich“ findet nicht nur Renate Böhm.
Aber mehr noch als diese Fakten überzeugt die inhaltliche Leistung:

,,lch stelle mir mein Publikum vor: Frauen, Männer, Altere, Jüngere. Anspruchsvolle, Familien, Kinder, Fans, und versuche, für jede Interessengruppe Filme zu finden. Ich möchte keinen ausgrenzen und für jeden Bedarf etwas anbieten“.

Für jeden Bedarf? Wie wäre es mit einer Live-Opernübertragung aus der „MET in New York? Für Renate Böhm kein Problem. Ein Jahr hat sie geackert, um die Übertragungsrechte zu bekommen, mit reichlich Abfuhren zwischendurch.

„Uelzen??? Was und wo ist das denn?? Wie viele Einwohner??? OMG!!“

Heute kommen doppelt so viele Zuschauer zu diesen Vorstellungen wie in zwei größeren Nachbarstädten zusammen. Und die Kinowelt staunt!
Auch wenn das Kinogeschäft inzwischen knallhart geworden ist, zollen die großen Filmverleiher Renate Böhm Respekt und Hochachtung. Viele Filme, die sonst nur in Großstädten in großen Kinos laufen, holt sie nach Uelzen. Hartnäckig, unerschrocken und manchmal auch unnachgiebig tritt sie den großen Filmverleihern auf die Füße, um Uelzen und Umgebung mit einem Kulturprogramm zu versorgen, das seinesgleichen sucht.
Das kommt an und imponiert.
Als sie zu Verhandlungen mit Warner Bros. nach Hamburg fuhr, wurde sie dort nicht vom Vertreter des Vertreters empfangen, sondern vom Chef persönlich, und der lud sie zum Essen ins Vier Jahreszeiten“ ein, wo an einem Tisch schon Kevin Costner (!) auf sie wartete.

Unzählige Preise hat sie im Laufe der Jahrzehnte bekommen, darunter regionale wie den Kulturpreis des Landkreises Uelzen 2011 und die Ehrengabe der Stadt Uelzen 2012 sowie überregionale: Seit 1993 wird das
Central-Theater jährlich für die „Gestaltung hervorragender Filmsonderprogramme und Programmreihen“ ausgezeichnet. Und der ostfriesische Blödelbarde Otto hat sogar seine Handspuren in Beton im Kino
hinterlassen.

Nach dem Tod des Ehemannes

Renate Böhm war 41 Jahre alt, als ihr Mann starb. Wenn eine Frau jung Witwe wird, ist nicht nur der Verlust des Partners schmerzlich. Auch die sozialen Kontakte bröckeln. Die Freizeit wird „paarweise“ verbracht, für Einzelne bleibt oft nur der ,,Katzentisch“. Junge Witwen sind Konkurrenz oder Vorlagen für Männerphantasien.
Renate Böhm hat das auch erfahren müssen. Deswegen sind ihr Freundschaften so wichtig, egal, ob Einzelne, Paare, Familien; ihnen ist und bleibt sie treu und verbunden in jeder Lebenslage.
Ihr großer Freundeskreis, aber auch Reisen und ihre schöne Wohnung sind die „Nischen“, in denen sie Stress abbauen und Energie neu auftanken kann.
Nicht immer gelingt es, die Begeisterung der Eltern für eine Sache an die Kinder weiterzugeben. Bei Renate Böhm hat es geklappt: Ihre Tochter, Barbara Bode, mit den gleichen unternehmerischen „Genen“ und der Vorliebe für Kino wie ihre Mutter ausgestattet, hat zusammen mit ihrem Mann in Salzwedel den „Filmpalast“ gegründet, und sie wird eines – hoffentlich fernen Tages auch das Kino in Uelzen übernehmen. Eine gelungene Kontinuität in zweifacher Hinsicht: Das Kino bleibt in der Familie und es wird von Frau zu Frau weitergegeben! Und vielleicht wird das Ganze noch getoppt, denn Familie Bode hat drei Kinder, da runter zwei (!) Töchter!

Soziales Engagement

Renate Böhm ist Unternehmerin mit einem grollen Herzen und sozialem Gewissen. Davon profitieren unzählige Institutionen und Einrichtungen in und um Uelzen. Spontan und ohne viel Gewese ist sie bereit, sich und ihr Kino für soziale, schulische, sportliche und sonstige Zwecke einspannen zu lassen.

Nur einige Beispiele:

  • Anlässlich der Sommerbaustelle 2011 im sozialen Projekt „Woltersburger Mühle“ hatten sich die dort aktiven Handwerksgesellen den Film „Für den unbekannten Hund“ der Brüder Dominik und Benjamin Reding gewünscht. Nicht nur der Film wurde herangeschafft, sondern auch die Berliner Regisseure – und die sich auf der Walz befindlichen Wandergesellen bekamen freien Eintritt.
  • Als es dem Tierheim Uelzen 2006 an Futter mangelte, startete sie eine gesonderte Aktion zugunsten des Heims.
  • Für die Blutspende-Aktionswoche des Jugendrotkreuzes 2010 stellte Renate Böhm ihr Kino zur Verfügung und schenkte Erstspendern eine Kinokarte.
  • Für die landesweiten Uelzener Filmtage'“ spendet sie einen Praktikumsplatz für Jungfilmer.

Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schätzen ihren – wie es so schön heißt – integrativen Führungsstil. Alle sollen sich einbringen können, sollen teilhaben am Gesamtprojekt , Kino“; und wenn sie Renates Begeisterung für die (Kunst-)Welt auf der Leinwand teilen – umso besser für alle, und mit,alle“ meine ich uns alle.

Wünsche an das Leben?

Nicht erfüllt wurde ihr Wunsch, zusammen mit ihrem Mann alt zu werden. Einer, der sich erfüllt hat, war, ihr
Kino innerhalb der Familie weiterzugeben.
Ein Lebensmotto? Nun, es gibt eins, es stammt von Konfuzius, und Renate Böhm zitiert es lachend:

Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.

Dieser Beitrag ist auch in dem 2015 erschienen Band Frauen die Uelzen beweg(t)en zu finden. Herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. .Dort dann mit detaillierten Quellen- und ergänzenden Angaben und weiteren Frauenpersönlichkeiten.

Titelfoto: B + B Kinocenter GmbH

Renate Meyer-Wandtke

Renate Meyer-Wandtke | Wohnhaft in Uelzen seit 1976. Lehramtsstudium an der Universität Osnabrück und bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin an der Lucas-Backmeister-Schule in Uelzen. Mitglied der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V..