Wie alt warst du, als du nach Deutschland kamst und hattest du schon Deutschkenntnisse?
Knapp 21 Jahre, ich hatte keine Deutschkenntnisse. Meine ersten Worte waren „ja“ oder „nein“.

Welchen Beruf hattest du, aus welchen Gründen kamst du nach Deutschland?
Ich war Maler, Restaurateur, habe Kirchen restauriert, ich war immer auf Montage, manchmal war ich zwei, drei Monate weg. Das war nicht meine Welt.
Zufällig traf ich einen Bekannten am Strand, der hatte einen tragbaren Kassettenrecorder bei sich und spielte das Lied „Mendossino…“. Alle Mädchen waren hinter ihm her und ich fragte ihn, woher er das Gerät hätte und er sagte: “Aus Deutschland, ich habe dort beim VW-Werk gearbeitet.“ Es interessierte mich, wie er dahin gekommen ist und da gab er mir ein paar Tipps. Man musste nach Verona in eine Aufnahmestelle, dort wurde man gefragt, wohin man wolle, nach Belgien, Frankreich, England, Deutschland, nach Deutschland ins VW-Werk? Nach 14 Tagen kam schon die Bestätigung, ich könnte fahren.

Warst du in Italien städtisch oder ländlich geprägt?
Städtisch, ich komme aus Trapani.

Hast du die Entscheidung, dein Heimatland zu verlassen, allein getroffen?
Ja, das war für meine Eltern der Weltuntergang, noch keiner aus meiner Familie war bisher ausgewandert, ich war der erste. Aber ich war entschlossen, ich wollte mal was anderes sehen. Meine Eltern waren überhaupt nicht einverstanden, aber ich war 21 und volljährig, sie konnten nichts machen.
Ich hatte mich gefreut auf den Neuanfang, wollte frei sein von zu Hause. Mein Vater war sehr, sehr konservativ, war beim Militär, ich musste immer pünktlich sein. Wenn andere bis Mitternacht weggehen durften, musste ich um Punkt 10 zu Hause sein, sonst gab es Ärger . Ich wollte einfach selbstständiger sein, freier leben.

Wie schwer ist dir der Anfang gefallen und welchen ersten Eindruck hattest du von Deutschland?
Der Anfang war für mich nicht so schwer, ich war mit einem Kumpel nach Deutschland gekommen. Als wir in Wolfsburg ankamen mit Koffern, richtige, gute, keine Pappkoffer, sind wir am Bahnhof in ein Taxi gestiegen, haben nur gesagt „Berliner Brücke“, da waren die Unterkünfte der Gastarbeiter. Ich hatte mich gleich sehr wohl gefühlt, wir waren in unserem Zimmer zu Dritt.

Viele haben Geld gespart und sind relativ schnell wieder zurück, um in ihrem Heimatort oft ein Haus zu bauen, haben aber nur etwa 10% von ihnen geschafft. Meine Tante wollte mir eine Wohnung schenken, wenn ich in Trapani bliebe, ich wollte aber hierbleiben, vor allem, weil ich inzwischen eine feste Partnerin hatte. Aus diesem Grund blieben auch Andere, die hatten wie ich dann auch Kinder hier, die hier zur Schule gingen. Jetzt bin ich 51 Jahre hier.

Woran musstest du dich mühsam gewöhnen, was gelang dir ganz schnell?
Die ersten Tage waren spannend , wenn ich einkaufen ging, habe ich eigentlich nur „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ verstanden, wie viel ich bezahlen musste, habe ich nicht verstanden und so gab ich immer einen Schein hin, so dass ich dann bald sehr viel Kleingeld in der Tasche hatte.

Ich blieb nur ein Jahr in Wolfsburg, hatte ja Marlies aus Uelzen kennengelernt und wollte dann nicht immer hin und her pendeln, bin hier zum Arbeitsamt gegangen und habe gleich eine Stelle bei Winkelmann bekommen. Leider habe ich erst mal die Firma nicht gefunden, es war ja kein Schild angebracht, bin dann zu Uelzena rüber und die wollten mich gleich behalten.
Bei Winkelmann kam der Meister, ich hatte mich chic angezogen – weiße Hose, schwarzes Jackett – und sollte gleich anfangen, habe mich dann doch erst mal umgezogen. 24 Jahre bin ich bei Winkelmann geblieben, war auch im Betriebsrat. Als gesagt wurde, die Firma werde eventuell verkauft, habe ich gekündigt.

Meine Frau hatte im Haus Achtum gearbeitet und gesagt, dass die Hausmeisterstelle frei werden würde. Ich habe mich beworben und bin dann 20 Jahre dort geblieben.

Du kamst als „Gastarbeiter“, empfandst du dich auch als Gast?
Am Anfang schon, dann aber kamen so Äußerungen, wie „Spaghettifresser“, vor allem nachdem wir eine Fußballmannschaft aus Italienern gegründet hatten, die sehr erfolgreich war. Dann hat es mal eine Schlägerei gegeben, danach habe ich aufgehört und bin dann zu Sperber Veerßen gegangen.
In meiner Firma, bei Winkelmann, hat es so etwas nie gegeben, ich bin so gut aufgenommen worden. Ich hatte noch weitere Italiener vermittelt, die alle geblieben sind.

Fuhrst du so oft es ging in dein Heimatland zurück?
Bin im Dezember das erste Mal geflogen, 333 DM hin und zurück. Mein Vater wollte wieder, dass ich da bleibe, er hat mir jeden Tag nach Deutschland eine Karte geschrieben, so viel Post habe ich noch nie bekommen, ich habe sie alle immer noch. Meine Eltern leben schon lange nicht mehr und meine Geschwister sind alle dort geblieben. Aber meine Eltern haben uns hier mal besucht und kamen dann noch ein paarmal zum Geburtstag der Kinder. Meine Geschwister sind öfter gekommen und wir sind später einmal im Jahr runtergefahren, das Verhältnis, vor allem zu Marlies und den Kindern, ist sehr gut.

Hat dich der Aufenthalt hier verändert? Was ist „deutsch“ an dir geworden?
Ich habe das meiste der deutschen Küche sofort gemocht, z. B. Currywurst vom VW-Werk esse ich heute noch ab und zu gerne. Nur Heringssalat fand ich furchtbar, roher Fisch, wir sind doch keine Kannibalen.

Eine nette Begebenheit muss ich erzählen: Ich bin zur Post gegangen, wollte nach Hause telefonieren, was man ja noch anmelden musste. Ich sollte in Kabine 3 gehen, nach einer Weile sagt die Vermittlung laut: „Keiner da!“ Ich, der deutschen Sprache kaum mächtig, verstehe „Canada“, gehe raus und sage: “Wieso Canada, ich will Trapani, Italien.“ Es wurde wieder versucht, wieder die Aussage „Canada“. Ich werde wütend, bis ein Landsmann, der das alles mitbekam, mir erklärte, dass „Keiner da“ gemeint war.

Das Beste war mein erster Arbeitstag. Ich sollte eine Maschine putzen, der Kollege sagte: „Putzen.“ Ich dachte, er meint mich, dass ich mich putzen soll, ich roch an mir, ob ich stinke, ich hatte mich morgens gewaschen, konnte nicht sein. Und er wieder:“Putzen.“ Da bin ich zu einem Dolmetscher im Werk und habe gefragt: „Sag mal, was ist denn mit dem los, der will immer, dass ich mich putze, stinke ich?“ Er erklärte mir, dass ich die Maschine sauber machen soll.

Hattest du Pläne, wie lange du in Deutschland bleiben wolltest?
Nein, mein Vater meinte: „Der kommt sowieso nach einem Monat zurück.“ Vielleicht wäre ich ja zurück gegangen, wenn Marlies nicht gewesen wäre, man weiß es nicht. Jetzt fühle ich mich inzwischen als Deutscher. Es ist sogar so, dass ich mich, wenn ich in Trapani zu Besuch bin, eher als Tourist fühle, es hat sich auch alles komplett verändert nach 51 Jahren, es ist eine ganz andere Mentalität.

Reden deine Kinder und Enkelkinder gern über deine Gastarbeiterzeit?
Nein, fast nie, die haben das gar nicht so registriert, dass ich Gastarbeiter war. Die haben sich damit nicht beschäftigt, die Enkelkinder auch nicht. Aber sie sind alle gegen Ausländerfeindlichkeit und engagieren sich hier.

Autor

  • Sigrid Salomo, zwei Kinder, wohnhaft in Uelzen seit 1979, Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule Berlin und bis zur Pensionierung als Lehrerin an der Sternschule in Uelzen tätig. Mitglied der Geschichtswerkstatt Uelzen seit 2014.