Weitgehend vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen und auch heute noch den meisten Bürgern Uelzens nicht bewusst, gab es in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges ein Außenkommando des berüchtigten Konzentrationslagers Neuengamme in der Stadt. HIer wurden bis zu 500 Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt. Der nachfolgende Beitrag bringt das Lager in Erinnerung und klärt auf.

1. Errichtung des Lagers

Die Angaben über den Zeitpunkt der Errichtung des Außenlagers Uelzen-KZ Neuengamme differieren um mehr als sechs Monate. Einzelne Häftlinge berichten von einem Außenlager, in dem sie sich seit Oktober 1944 aufgehalten haben wollen, andere setzen den Zeitpunkt der Gründung des Lagers wesentlich später an (März 1945). Aus diesen unterschiedlichen Angaben zur Entstehung des Außenlagers darf jedoch folgendes als gesichert angesehen werden: -Es hat ein Außenlager in Uelzen gegeben
-Dieses Außenlager ist Ende 1944 vermutlich mit einer kleinen Zahl von Häftlingen errichtet worden.
-Die Zahl der Häftlinge erhöhte sich merklich im März 1945.
-Eine große Zahl holländischer Häftlinge wurde Ende März aus dem Stammlager Neuengamme in das Außenlager verlegt.

2. Zielsetzung, Absicht

Am 22.02.1945 wurde der Güterbahnhof Uelzen von einem US-amerikanischen Bomberverband total zerstört. Die Aufräumarbeiten begannen umgehend, neben Einsatzgruppen der Reichsbahn (Bau-Geräte-und Bergungszüge) waren Soldaten der Wehrmacht, Einsatzkräfte der Organisation Todt (OT), des Reichsarbeitsdienstes (RAD), der Technischen Nothilfe (TN), des Volkssturms, Kriegsgefangene und ca. 500 Häftlinge des KZ Neuengamme eingesetzt. In den ersten Tagen der Aufräumarbeiten arbeiteten ca. 5.000 Menschen Tag und Nacht , um die wichtige Schienenverbindung nach Norden (Hamburg,Schleswig-Holstein) wiederherzustellen.

3. Unterstellung

Das Außenlager Uelzen war von Beginn an dem Konzentrationslager Neuengamme (Stammlager) unterstellt.

4. Häftlingsgruppen

Die Häftlinge des Außenlagers Uelzen, alle männlich, gehörten verschiedenen europäischen Nationen an, die das Deutsche Reich im Verlauf des Krieges erobert und besetzt hatte. Sie kamen aus der Sowjetunion, Polen, Holland, Belgien und Frankreich. Es gab nur wenige deutsche Häftlinge, die verschiedenen Häftlingskategorien angehörten. Häftlinge jüdischen Glaubens gab es laut Aussagen von Zeitzeugen nicht, was sich mit den Ermittlungsergebnissen der „Zentralen Stelle“ Ludwigsburg deckt.

5. Arbeit

Die Aufräumarbeiten auf dem Güterbahnhof Uelzen erfolgten im Auftrag der Deutschen Reichsbahn, die auch einen großen Teil der Bergungsgeräte stellte. Verantwortlich für die Durchführung vor Ort war vermutlich der Einsatzstab einer Einheit des Reichsarbeitsdienstes, die in der Nähe Uelzens stationiert war und mit in die Aufräumarbeiten einbezogen war.

Eingang zum Schutzhaftlager des KZ Neuengamme 1941

6.Unterkunft

Die Häftlinge waren auf dem Gelände der Zuckerfabrik Uelzen AG in einem Rohrzuckerlager untergebracht. Die Fenster des Gebäudes waren mit Stacheldraht bewehrt. Die Bewachung des Lagers geschah von außen, eine Dauerbewachung im Innern des Gebäudes fand nicht statt.Die Verpflegung der Häftlinge erfolgte durch die Werkskantine der Zuckerfabrik.

7. Demographische Angaben

Das Außenlager Uelzen bestand schon vermutlich seit Oktober/November in der Form eines kleinen Außenkommandos, erst Ende Februar Anfang März 1945 wurde es auf 500 Mann vergrößert. Eine Befragung der Zeitzeugen, ehemalige deutsche Häftlinge, die über das Stammlager in das Außenlager Uelzen gelangten, ergab, dass das Außenlager keinen „besonders schlechten Ruf“ hatte. In Uelzen wurde nach Aussage des Lagerschreibers des Stammlagers Neuengamme, Herbert Schemmel, ein Häftling untergebracht, der auf Grund seiner politischen Vergangenheit und seiner Aktivitäten im Stammlager vom Tod bedroht war. Ende März 1945 wurde eine große Zahl holländischer Häftlinge im Rahmen einer Umverlegung vom Stammlager Neuengamme nach Uelzen gebracht. Inwieweit diese Umverlegung im Zusammenhang mit der sogen. „Bernadotte-Aktion“ stand, konnte bislang nicht zweifelsfrei geklärt werden.

8. Tötung von Häftlingen

Holländische Häftling hingegen, die später in das Lager kamen, berichten von brutalen Verhaltensweisen einzelner Kapos und sogar von Misshandlungen mit oft tödlichem Ende durch Angehörige der Bewachungsmannschaft. Diese Aussagen bestätigen die Ergebnisse der Vorermittlungen der „Zentralen Stelle“ in Ludwigsburg, die Tötungsdelikte, jedoch keine Morde feststellen konnten.

9. Lagerkommandant

Das Außenlager Uelzen wurde von einem Lagerkommandanten geführt und von einer Wachmannschaft bewacht, die ca. 20-25 Personen umfasste. Genaue Angaben werden weder von den Beschäftigten der Zuckerfabrik noch von den ehemaligen Häftlingen gemacht. Doch kann man von dieser Zahl ausgehen, da eine 22-köpfigeWachmannschaft für das Außenkommando Hildesheim, das die gleiche Zahl von Häftlingen umfasste, aufgestellt wurde. Der Lagerkommandant war ein SS-Offizier, an den sich die Häftlinge wie auch die Beschäftigten der Zuckerfabrik erinnern konnten. SS-Untersturmführer Otto „Tull“ Harder übernahm Ende Februar/Anfang März die Leitung des Außenlagers Ahlem/Hannover-KZ Neuengamme. Nach Aussagen der Häftlinge verursachte seine Art der Lagerleitung keine zusätzliche Verschärfung der bedrückenden Situation. Harder sei kaum in Erscheinung getreten, habe seine Unterkunft in der Nähe der Kantine bezogen. Kurz vor Evakuierung des Lagers sei er es gewesen, der ungefähr 6-7 deutschen Häftlingen zur Flucht aus dem Lager verholfen hätte, so die Schilderung ehemaliger Häftlinge. Diesem eher positiven Bild Harders entsprechen überhaupt nicht Verlauf und Urteile des Gerichtsverfahrens („Curio-Haus- Prozeß,16.04.1947-06.05.1947), das von der englischen Besatzungsbehörde gegen ihn geführt wurde. Man beschuldigte ihn der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, begangen im Außenlager Ahlem/Hannover und verurteilte ihn dafür zu 15 Jahren Zuchthaus, von denen er vier Jahre im Zuchthaus Werl absaß. Er starb 1956.

10. Bewachung

Die Zeitzeugen können keine klare Zuordnung der Bewachungsmannschaft zu einzelnen militärischen bzw. paramilitärischen Verbänden vornehmen. Einige von ihnen behaupten, dass es sich zumindest in der Anfangsphase bei der Bewachung um SS-Angehörige gehandelt hätte. Andere Zeitzeugen ordnen die Wachmannschaft den Landesschützen oder dem Volkssturm zu. Kriterien für diese Einordnung war nicht nur das Alter der Bewacher, sondern auch die Dienstauffassung und ihr Verhalten: „….waren viel freier, man konnte mal so rumlaufen, die gaben auch Tabak.“

11. Kultur

Keiner der interviewten Zeitzeugen äußerte sich zu Aspekten dieses Fragenkomplexes. Entscheidend für das Ausbleiben irgendwelcher kultureller Aktivitäten mag wohl in dem kurzen Bestehen des Außenlagers liegen, zudem reicht die Zahl der befragten Zeitzeugen (4) nicht, um diese Frage differenziert zu beantworten.

12. Widerstand- Ausbrüche

Es gibt keine Hinweise auf Widerstandsaktionen in diesem Lager. Ehemalige Häftlinge berichten aber, dass sie zusammen mit 3-4 anderen deutschen Inhaftierten das Außenlager einige Tage vor der Evakuierung des Kommandos mit Duldung des Kommandanten verlassen konnten. Sie flüchteten in Richtung Norden (Lüneburg), ständig in Angst vor der Feldpolizei oder marodierenden versprengten SS-Einheiten. Sie kamen bis in die Nähe des Ortes Bienenbüttels (Krs.Uelzen), wo sie sich versteckten. Einige Tage später, um den 18./19.04.1945, wurden sie von durchziehenden britischen Truppen befreit.

13. Das Ende

Der Angriff auf Uelzen erfolgte durch britische Bodentruppen und begann in der Nacht vom 14. zum 15. April. Er zog sich hin bis zum 18. April 1945. Die Kämpfe um Uelzen gestalteten sich für die Engländer sehr schwierig, da es die politische und militärische Führungsspitze Uelzens ablehnte, die Stadt kampflos dem Gegner zu übergeben. Die Häftlinge des Außenlagers arbeiteten noch Anfang April auf dem Güterbahnhof Uelzen. Doch mit dem Näherkommen der Kampffront machten sich Unruhe und Unsicherheit bei der Bewachungsmannschaft und bei dem Lagerkommandanten bemerkbar. Ihr Verhalten, besonders gegenüber den deutschen Häftlingen, änderte sich, man war nun schon mal zu Auskünften oder zu kleinen Gesprächen bereit. Gegenüber den inhaftierten Deutschen gaben sich die Bewachungsmannschaft und der Kommandant verhandlungsbereit, mit dem Ergebnis, dass zwei Gruppen deutscher Häftlinge (2-3 Personen) vorzeitig das Lager verlassen konnten und in Richtung Norden flüchteten. Das Schicksal der übrigen Häftlinge jedoch blieb ungewiss. Zeitzeugen berichten, dass sie einige SS-Angehörige beobachten konnten, die mit Sprengmaterial hantierten und gleichzeitig den gewaltsamen Tod der Häftlinge noch vor der Eroberung Uelzens angekündigt hätten. Diese Drohungen erwiesen sich als haltlos, jedoch wurden die Häftlinge am 17.4.1945, einen Tag vor der Eroberung Uelzens durch britische Truppen, von Männern des Volkssturm in Viehwaggons gepfercht um anschließend per Zugtransport zurück nach Neuengamme gebracht zu werden. Viele Häftlinge verstarben schon während des Transportes. Nach Aussagen eines holländischen Zeitzeugen erreichten ungefähr 400 Häftlinge am 19.04.1945 das Stammlager, wo sie über Nacht in Bunkern eingeschlossen wurden. Am 20.04.1945 morgens verließen nur ca. 150 Häftlinge den Raum, die anderen Kameraden waren tot.

Die verbliebenen Häftlinge des Außenlagers wurden zusammen mit anderen Häftlingen des Stammlagers ab dem 20.04.1945 von der SS nach Lübeck gebracht. Dort wurden viele von ihnen im Hafen auf den Frachtschiffen „Athen“ und „Thielbeck“ und später auch auf die „Cap Acona“ verschifft, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetierten. Am 3.05.1945 wurden die mit Häftlingen überladenen Schiffe „Cap Arcona“ und „Thielbeck“ von britischen Jagdbombern irrtümlich in bombardiert, Brände brachen aus, die Schiffe sanken bzw. kenterten daraufhin. Unter den ca. 7.000 Menschen, die in der Ostsee ertranken, befanden sich auch zahlreiche Häftlinge aus dem Außenlager Uelzen. Auf dem dritten Schiff „Athen“, das zur Zeit der Bombardierung im Hafen von Neustadt/Holstein lag und nicht bombardiert wurde, befand sich eine Gruppe holländischer Häftlinge des Außenlagers Uelzen.Sie erlebten das Kriegsende und berichteten später auch von ihren Erlebnissen im Außenlager Uelzen.

14. Prozesse

Der Kommandant des Außenlagers, Otto Harder, wurde in einem britischen Militärgerichtsverfahren (16.04.1947 – 06.05.1947) wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Diese Anklage bezog sich jedoch auf Ereignisse im Lager Hannover-Ahlem. Seine spätere Tätigkeit als Lagerkommandant im AL Uelzen wurde in diesem Verfahren nur indirekt erwähnt und war danach auch nicht mehr Gegenstand eines Verfahrens. Andere Angehörige der Bewachungsmannschaft wurden nicht angeklagt und verurteilt.

P.S. Diese Darstellung ist eine Zusammenfassung einer Dokumentation, die der Autor 1989/1990 veröffentlichte und Eingang finden wird in eine Enzyklopädie zur Geschichte aller Lager und Ghettos im nationalsozialistischen Deutschland und NS-dominierten Gebieten, herausgegeben vom Center for Advanced Holocaust Studies , Washington D.C. USA

Weitere und vertiefende Informationen finden Sie in der Broschüre Das Außenlager Uelzen des Konzentrationslagers Neuengamme von Dietrich Banse. Erhältlich über unseren Medien-Shop.

Dietrich Banse

Dietrich Banse | *6.April 1945, Studium an der Pädagogischen Hochschule Lüneburg, Lehrer von 1971-2008. Gründungsmitglied der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. Schwerpunkte: Geschichte der Uelzener Juden, Uelzen in der Zeit zwischen 1918 – 1945. Sowie Mitarbeit in anderen regionalen Geschichtsvereinen.